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Zwei identisch gekleidete Frauen von hinten auf einer Bühne, in glitzernden Minikleidern und Stiefeln im 60er-Jahre-Showstil, vor Scheinwerfern.

Bericht: Kessler-Zwillinge gestorben

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Die Kessler-Zwillinge sind offenbar tot. Wie die „Bild“-Zeitung berichtet, starben Alice und Ellen Kessler gemeinsam in ihrem Haus im Münchner Vorort Grünwald im Alter von 89 Jahren. Die Münchner Polizei bestätigte einen Einsatz der Kriminalpolizei an der Adresse, nannte aber zunächst keine Details – sowohl die genaue Todesursache als auch die Hintergründe des Kripo-Einsatzes sind aktuell noch unklar, die Ermittlungen dauern an. Hier zum BUCH

Ikonen der Nachkriegs-Unterhaltung

Alice und Ellen Kessler wurden am 20. August 1936 im sächsischen Nerchau (heute ein Ortsteil von Grimma) geboren. Bürgerlich hieß die Familie zunächst Kaessler. Schon als Kinder erhielten die eineiigen Zwillinge klassischen Ballettunterricht; 1947 wurden sie in das Kinderballett der Oper Leipzig aufgenommen, später besuchten sie die angeschlossene Operntanzschule.

1952 flohen die Schwestern aus der DDR in die Bundesrepublik, indem sie ein Besuchervisum nutzten und nicht zurückkehrten. In Düsseldorf bekamen sie ihr erstes Engagement im Revuetheater Palladium – dort wurden sie 1955 vom Direktor des Pariser Lido entdeckt, der sie an das berühmte Varieté auf den Champs-Élysées verpflichtete. In Paris wurden die beiden „groß, blond und mit vier langen Beinen“ schnell zu einem internationalen Show-Export.

Durchbruch in Italien und beim ESC

1960 gingen die Kessler-Zwillinge nach Italien, wo sie als „Le gemelle Kessler“ zu TV-Stars wurden. In großen RAI-Shows wie „Studio Uno“ traten sie als Sängerinnen und Tänzerinnen auf; ihr Titel „Da-da-um-pa“ wurde dort zur Erkennungsmelodie. Parallel spielten sie in zahlreichen deutschen, französischen und italienischen Filmen mit, etwa in „Solang’ es hübsche Mädchen gibt“ (1955), „Vier Mädels aus der Wachau“ (1957) und „Die Tote von Beverly Hills“ (1964).

1959 vertraten Alice und Ellen Kessler Deutschland beim Grand Prix Eurovision de la Chanson (heute Eurovision Song Contest). Mit dem Lied „Heute Abend wollen wir tanzen geh’n“ belegten sie den achten Platz – der Auftritt gilt bis heute als einer der frühen prägenden deutschen ESC-Momente.

Vom Revuetheater bis zum Brecht/Weill-Ballett

Ihr Image als glamouröse Show-Zwillinge hinderte sie nicht daran, auch in anspruchsvollen Produktionen aufzutreten. 1976 standen sie im Münchner Gärtnerplatztheater in Brechts und Weills Ballett „Die sieben Todsünden“ auf der Bühne – als „Anna I“ und „Anna II“. Die Doppelrolle eines gespaltenen Charakters war wie geschaffen für die nahezu identischen Zwillinge und gilt als künstlerischer Höhepunkt ihrer Theaterkarriere.

Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre nahmen die Kessler-Zwillinge zahlreiche Schallplatten auf, teils in mehreren Sprachen. In Deutschland waren besonders ihre gemeinsamen Aufnahmen mit Peter Kraus erfolgreich; der Titel „Honey Moon“ schaffte es 1960 in die oberen Regionen der Charts. In Italien feierten sie mit mehreren Singles Erfolge, viele davon mit starkem TV-Bezug.

Mit 40 Jahren ließen sich Alice und Ellen für die italienische Ausgabe des „Playboy“ fotografieren – ein Skandal im damaligen Italien, die Ausgabe war jedoch rasch ausverkauft und machte sie dort endgültig zu Popkultur-Ikonen. Wikipedia+1

Späte Jahre und Auszeichnungen

Seit Mitte der 1980er-Jahre lebten die Schwestern zurückgezogener, aber weiterhin gemeinsam – in einem Haus im prominenten Münchner Ortsteil Geiselgasteig (Gemeinde Grünwald). Sie traten noch immer gelegentlich in Shows, Talkformaten und Musicals auf, etwa 2011 im „Tatort – Das Dorf“ und 2015 im Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ in Berlin.

Für ihr Lebenswerk wurden Alice und Ellen Kessler vielfach geehrt: Unter anderem erhielten sie die Goldene Rose von Montreux und 1987 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Ihr Geburtsort Nerchau ernannte sie 2006 zu Ehrenbürgerinnen. 2025 kam mit dem Bayerischen Verdienstorden eine weitere hohe Auszeichnung hinzu, die Ministerpräsident Markus Söder persönlich überreichte – nur wenige Monate vor ihrem Tod.

Die Kessler-Zwillinge engagierten sich zudem über Jahrzehnte im Paul Klinger Künstlersozialwerk, das Kunst- und Kulturschaffende in Notlagen unterstützt. Noch bis ins hohe Alter traten sie bei Gala- und Benefizveranstaltungen auf und galten in Deutschland, Italien und darüber hinaus als Symbole der Nachkriegs-Unterhaltungskultur.

Unzertrennlich bis zuletzt

Medienberichte betonen, dass Alice und Ellen – die ihr ganzes Leben lang nahezu alles gemeinsam taten – nun auch am selben Tag in München gestorben sein sollen. Offizielle Angaben zu Todesursache und Hintergründen des Kripo-Einsatzes liegen derzeit noch nicht vor; entsprechende Ermittlungen laufen. Fans und Kolleginnen erinnern in sozialen Netzwerken und Nachrufen an zwei Frauen, die über Jahrzehnte als „schönste Beine der Nation“ und als Inbegriff des glamourösen deutschen Showbusiness galten.

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