Kaja Kallas wollte Europas Verteidigung schneller und schlagkräftiger machen. Doch nur wenige Tage nach der öffentlichen Ankündigung ihrer neuen „High-Level Group on Defence“ wurde die geplante Initiative wieder auf Eis gelegt. Nach Medienberichten gehörten Deutschland, Frankreich und Italien zu den Staaten, die Einwände erhoben haben sollen. Was ist passiert – und bedeutet der Streit, dass Europa bei seiner Verteidigung nicht vorankommt?
Stand: 7. September 2026
Die Sicherheitslage in Europa bleibt angespannt. Russland führt seinen Krieg gegen die Ukraine fort, hybride Angriffe auf europäische Staaten nehmen zu und gleichzeitig diskutiert Europa darüber, wie schnell es seine eigenen militärischen Fähigkeiten verbessern muss.
Ausgerechnet in dieser Situation sorgt nun eine neue Initiative der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas für politischen Streit.
Am 1. September 2026 hatte Kallas beim informellen Treffen der EU-Verteidigungsminister in Irland angekündigt, bereits in der folgenden Woche eine neue hochrangige Verteidigungsgruppe einzusetzen.
Nur wenige Tage später wurde die geplante Auftaktveranstaltung abgesagt und die Initiative vorerst gestoppt.
Was wollte Kaja Kallas eigentlich erreichen?
Die geplante Gruppe sollte aus erfahrenen politischen, militärischen und sicherheitspolitischen Persönlichkeiten bestehen.
Kallas erklärte bei ihrer offiziellen Pressekonferenz am 1. September, dass Teilnehmer aus mehreren EU-Staaten sowie aus Großbritannien und der Ukraine eingebunden werden sollten.
Das Ziel war klar:
Die Gruppe sollte konkrete Vorschläge entwickeln, wie Europa bestehende militärische Fähigkeitslücken schneller schließen kann.
Kallas sagte, Europa investiere zwar inzwischen deutlich mehr in Verteidigung, Geld allein garantiere jedoch keinen Erfolg.
Europa sei bislang nicht schnell genug gewesen, um die innerhalb der NATO identifizierten Lücken bei den konventionellen militärischen Fähigkeiten zu schließen.
Die Expertengruppe sollte deshalb neue Lösungsansätze entwickeln und ihre Ergebnisse anschließend in einem Bericht mit konkreten Empfehlungen zusammenfassen.
Warum wurde die Verteidigungsgruppe plötzlich gestoppt?
Die geplante Auftaktveranstaltung sollte am 7. September in Brüssel stattfinden.
Doch am Vortag wurde sie kurzfristig abgesagt.
Nach einem Bericht von Euractiv wurde die gesamte Initiative zunächst auf Eis gelegt.
Ein EU-Beamter erklärte dem Medium, einige Mitgliedstaaten hätten die geplante Vorgehensweise zum jetzigen Zeitpunkt nicht für den richtigen Weg gehalten.
Auch Euronews berichtet von deutlichem Widerstand mehrerer Mitgliedstaaten gegen das neue Beratungsgremium.
Deutschland, Frankreich und Italien sollen Einwände gehabt haben
Besonders wichtig ist an dieser Stelle eine saubere Unterscheidung:
Eine öffentliche Erklärung der Bundesregierung, wonach Deutschland die Gruppe offiziell gestoppt habe, liegt bislang nicht vor.
Euractiv berichtet jedoch unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Quellen, dass Einwände aus Deutschland, Frankreich und Italien zur kurzfristigen Aufgabe der Pläne beigetragen haben sollen.
Als ein Kritikpunkt wurde demnach genannt, dass die Mitgliedstaaten vorab nicht ausreichend in die Planung und Zusammensetzung der Gruppe einbezogen worden seien.
Beim italienischen Widerstand berichtete die Nachrichtenagentur ANSA laut Euractiv zudem von Unzufriedenheit mit dem vorgesehenen italienischen Vertreter.
Welche Einwände Deutschland im Detail vorgebracht haben soll, wurde bislang nicht offiziell veröffentlicht.
Das bedeutet nicht, dass Deutschland gegen eine stärkere EU-Verteidigung ist
Aus dem Widerstand gegen diese konkrete Expertengruppe lässt sich nicht automatisch ableiten, dass Deutschland eine stärkere europäische Verteidigung ablehnt.
Der Streit betrifft zunächst die konkrete Organisation, Zuständigkeit und Einbindung der Mitgliedstaaten.
Genau diese institutionelle Frage spielt innerhalb der EU immer wieder eine Rolle:
Wer entscheidet über europäische Verteidigungspolitik? Die Mitgliedstaaten? Die EU-Kommission? Der Europäische Auswärtige Dienst? Oder werden bestehende NATO-Strukturen genutzt?
Dass Kallas selbst Reformbedarf sieht, hatte sie bereits im August deutlich gemacht.
In einem früheren City-News-Bericht über neue Russland-Sanktionen erklärte die EU-Außenbeauftragte, Europa müsse schneller entscheiden und Doppelstrukturen zwischen den europäischen Institutionen abbauen.
Kallas sieht wachsende Sicherheitsgefahr in Europa
Die Initiative entstand nicht im luftleeren Raum.
Kallas hatte beim Treffen der EU-Verteidigungsminister ausdrücklich vor einer zunehmenden Sicherheitsgefahr gewarnt.
Sie erklärte, Russland greife Europa zunehmend auch mit hybriden Mitteln an. Gleichzeitig müsse Europa schneller reagieren und seine militärischen Fähigkeiten ausbauen.
Nach Einschätzung von Kallas teste Russland immer wieder, wie weit es gehen könne und wie Europa reagiere.
Nur einen Tag später bezeichnete sie den versuchten Drohnenangriff am Flughafen Leipzig/Halle als einen Vorgang mit Merkmalen von staatlich unterstütztem Terrorismus und machte Russland dafür verantwortlich. Die Bundesregierung hatte Russland zuvor ebenfalls verantwortlich gemacht. Russland weist die Vorwürfe zurück.
Kallas verfolgt seit Monaten eine harte Russland-Linie
Der aktuelle Streit passt in eine Reihe sicherheitspolitischer Initiativen der EU-Außenbeauftragten.
Bereits im Mai hatte Kallas angekündigt, den wirtschaftlichen Druck auf Staaten und Unternehmen zu erhöhen, die weiterhin umfangreiche Geschäfte mit Russland betreiben.
City-News berichtete darüber unter dem Titel „Kallas will Druck auf Geschäftspartner Russlands erhöhen“.
Kallas argumentierte damals, Europa müsse seine wirtschaftlichen Hebel stärker einsetzen, um Russland zu ernsthaften Friedensverhandlungen zu bewegen.
Im August kündigte sie zudem die nach ihren Worten weitreichendste Sanktionsliste seit Beginn des russischen Angriffskrieges an.
Hier lesen: Kallas kündigt weitreichendste Russland-Sanktionen an
Auch die Rolle der USA beschäftigt Kallas
Zur europäischen Verteidigungsdebatte gehört noch ein weiteres Problem: die Frage, wie stark Europa langfristig auf die militärische Unterstützung der Vereinigten Staaten bauen kann.
Kallas warnte bereits im Mai vor einem möglichen Abzug amerikanischer Soldaten aus Europa.
Ein solcher Schritt würde Europa nach ihrer Einschätzung dazu zwingen, deutlich stärker in die eigene Sicherheit zu investieren.
Den vollständigen Bericht finden Sie hier: Kallas warnt USA vor Truppenabzug aus Europa.
Warum sorgt die Verteidigungsinitiative überhaupt für so viel Aufmerksamkeit?
Weil Europa derzeit unter erheblichem Zeitdruck steht.
Die EU-Staaten erhöhen ihre Verteidigungsausgaben, bestellen neue Waffensysteme und versuchen gleichzeitig, ihre Rüstungsproduktion auszubauen.
Doch höhere Budgets lösen nicht automatisch alle Probleme.
Material muss produziert werden. Soldaten müssen ausgebildet werden. Luftverteidigung, Munition, Drohnenabwehr, Logistik und militärische Mobilität müssen funktionieren.
Genau an dieser Stelle wollte Kallas mit ihrer Expertengruppe ansetzen.
Die entscheidende Frage lautete:
Wie kann Europa vorhandene Fähigkeitslücken schneller schließen?
Ist Kallas mit ihrem Plan gescheitert?
Vorerst: ja, mit dieser konkreten Form der Initiative.
Die angekündigte High-Level Group wurde nicht wie geplant gestartet und die Auftaktveranstaltung wurde abgesagt.
Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die zugrunde liegenden Ziele aufgegeben wurden.
Nach Angaben eines EU-Beamten sucht der Europäische Auswärtige Dienst nun nach anderen Möglichkeiten, die Mitgliedstaaten einzubinden.
Auch Euronews berichtet, dass die Diskussion über Europas Verteidigungsbedarf weitergeführt werden soll.
Was sagt der Streit über Europas Verteidigungsfähigkeit aus?
Der Vorgang zeigt ein strukturelles Problem der Europäischen Union.
Fast alle Staaten stimmen grundsätzlich darin überein, dass Europa mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit übernehmen muss.
Schwieriger wird es bei der Frage, wer diese Verteidigung organisiert und welche Institution Entscheidungen vorbereitet.
Gerade weil Verteidigungspolitik unmittelbar die nationale Souveränität betrifft, reagieren Regierungen sensibel, wenn neue europäische Gremien entstehen, ohne dass sie sich ausreichend eingebunden fühlen.
Das kann Entscheidungsprozesse bremsen.
Andererseits kann eine stärkere Einbindung der Mitgliedstaaten notwendig sein, damit spätere Empfehlungen politisch überhaupt umgesetzt werden.
Warum Deutschland bei dieser Debatte besonders wichtig ist
Deutschland gehört zu den größten Mitgliedstaaten der Europäischen Union und spielt aufgrund seiner geografischen Lage eine zentrale Rolle für die militärische Logistik innerhalb Europas.
Bei einer möglichen Verteidigung der NATO-Ostflanke müssten große Mengen an Personal und Material durch Deutschland transportiert werden.
Deutschland baut außerdem seine eigenen Streitkräfte aus und übernimmt zusätzliche Verantwortung innerhalb der NATO.
Deshalb hat Berlin erheblichen Einfluss darauf, wie sich Europas Verteidigungsstrukturen weiterentwickeln.
Europa muss zwei Dinge gleichzeitig schaffen
Der Streit um Kallas‘ Expertengruppe macht deutlich, dass Europa vor einer schwierigen Aufgabe steht.
Es muss einerseits schneller handeln.
Andererseits müssen Entscheidungen von den Mitgliedstaaten politisch getragen werden.
Eine neue Expertengruppe kann gute Ideen liefern. Sie ersetzt aber keine politischen Entscheidungen der Regierungen.
Gleichzeitig kann Europa es sich angesichts der aktuellen Sicherheitslage kaum leisten, wichtige Verteidigungsfragen jahrelang zwischen Institutionen hin und her zu schieben.
Was passiert jetzt?
Der Europäische Auswärtige Dienst will nach Angaben aus Brüssel nach neuen Wegen suchen, um die Mitgliedstaaten in die Diskussion einzubeziehen.
Ob die geplante Gruppe in veränderter Form zurückkehrt oder durch ein anderes Format ersetzt wird, ist derzeit offen.
Fest steht jedoch:
Die Fragen, die Kallas mit ihrer Initiative beantworten wollte, verschwinden nicht mit der Absage der Gruppe.
Europa muss weiterhin klären, wie es seine Luftverteidigung stärkt, militärische Fähigkeitslücken schließt, seine Rüstungsproduktion beschleunigt und zugleich innerhalb von EU und NATO effizient zusammenarbeitet.
Fazit: Streit zur denkbar ungünstigen Zeit
Die geplante Verteidigungsgruppe von Kaja Kallas ist vorerst gestoppt.
Nach Medienberichten sollen Einwände aus Deutschland, Frankreich und Italien dabei eine entscheidende Rolle gespielt haben. Eine detaillierte öffentliche Darstellung der deutschen Einwände liegt bislang jedoch nicht vor.
Deshalb wäre es falsch, daraus die pauschale Aussage abzuleiten, Deutschland habe Europas Verteidigung blockiert.
Was der Vorgang allerdings deutlich zeigt:
Europa ist sich weitgehend einig, dass es seine Verteidigungsfähigkeit stärken muss – bei der Frage nach dem richtigen Weg dorthin gibt es weiterhin erhebliche Differenzen.
Und genau diese Diskussion findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem Russland seinen Krieg gegen die Ukraine fortsetzt, hybride Angriffe in Europa zunehmend Sorgen bereiten und gleichzeitig Unsicherheit über die langfristige Rolle der USA in Europas Sicherheit besteht.
Die eigentliche Herausforderung lautet deshalb nicht nur, mehr Geld für Verteidigung auszugeben.
Europa muss auch lernen, schneller gemeinsam zu entscheiden.
Quellen
- Europäischer Auswärtiger Dienst (EEAS), Pressekonferenz von Kaja Kallas beim informellen Treffen der EU-Verteidigungsminister, 1. September 2026
- Euractiv, 7. September 2026: Bericht über die abgesagte High-Level Group on Defence und Einwände aus Mitgliedstaaten
- Euronews, 7. September 2026: EU-Außendienst kippt neues Verteidigungsgremium nach Druck der Mitgliedstaaten
- Reuters, 2. September 2026: Kallas zum Drohnenangriff in Leipzig und zu weiteren Russland-Sanktionen
Hinweis der Redaktion: Bei der Rolle einzelner Mitgliedstaaten stützt sich dieser Beitrag auf aktuelle Medienberichte. Wo keine offizielle Bestätigung vorliegt, wird dies ausdrücklich kenntlich gemacht. Der Artikel unterscheidet zwischen bestätigten Aussagen, öffentlich zugänglichen Dokumenten und journalistisch berichteten Informationen.